ROTRAC E2 von Zwiehoff mit Antrieb von Linde eMotion vor einem Zug
Richtig reingefuchst

Automatisierung des ROTRAC

Stephan Zwiehoff ist Geschäftsführer der Zwiehoff Zweiwege-Fahrzeuge GmbH.Gemeinsam mit Linde eMotion entwickelte das Unternehmen das elektrisch angetriebene Rangiergerät ROTRAC E2, das 250 Tonnen schwere Züge bewegt. Der Nachfolger E4 schafft sogar das Doppelte. Im Gespräch erzählt Zwiehoff von den Anfängen des ROTRAC, der Zusammenarbeit mit eMotion und selbstfahrenden Draisinen.

Stephan Zwiehoff, Geschäftsführer der Zwiehoff Zweiwege-Fahrzeuge GmbH

Stephan Zwiehoff, Geschäftsführer der Zwiehoff Zweiwege-Fahrzeuge GmbH


Herr Zwiehoff, erinnern Sie sich noch an die Geburtsstunde des ROTRAC?

Ja, das war im Jahr 2011. Damals führte noch mein Vater die Firma. Auf einer Messe stellte Linde eMotion ein Demonstrationsfahrzeug vor, um dem Markt zu zeigen, was mit modernen Elektroantrieben alles möglich ist. Als mein Vater das sah, ging er zum Messestand von eMotion und sagte: ‚Genau dieses Gerät hätte ich gerne. Aber ich möchte es auf Schienen einsetzen. Ist das machbar?‘ Damals hatten wir zwar bereits ein elektrisches Rangierfahrzeug im Angebot, aber die Qualität war einfach ungenügend. Deshalb waren wir auf der Suche nach einem Partner, mit dem man so ein Fahrzeug umsetzen kann. Mit Linde eMotion haben wir ihn gefunden.


Wie sind Sie das Projekt angegangen?

Als wir unsere Idee für ein elektrisches Rangiergerät skizzierten, sahen uns die eMotion-Ingenieure zunächst verständnislos an und fragten, was genau wir damit vorhätten. Bisher hatten sie nicht daran gedacht, ihre Technologie auf diese Art von Fahrzeug anzupassen. Aber dann haben wir uns zusammengesetzt und schnell festgestellt, wieviel Spaß es machte, die E-Stapler-Technik von Linde eins zu eins auf ein Zweiwege-Rangiergerät zu übertragen. Die Entwicklung ging sehr schnell und schon nach wenigen Monaten kam der ROTRAC E2 auf den Markt.

Zusammenarbeit in der KION-Familie

Neben Linde ist auch die Proplan Transport- und Lagersysteme GmbH an der Entwicklung des ROTRACS von Zwiehoff beteiligt. Die KION-Tochter bringt das Engineering-Know-how in der Produktion von Kleinserien und Prototypen mit ein.


War es schwierig, sich mit Leuten über das richtige Vorgehen zu einigen, die ursprünglich aus dem Staplerbau kommen?

Nein, überhaupt nicht. Es macht immer riesigen Spaß, mit den Ingenieuren von Linde eMotion zusammenzuarbeiten. Sie stecken voller frischer Ideen und sind immer auf der Suche nach neuen, pragmatischen Ansätzen, um ihre elektronischen Antriebe an die gegebenen Anforderungen anzupassen. Man merkt in der Zusammenarbeit, dass sie noch echte Tüftler sind, die Lust daran haben, sich richtig tief in eine Aufgabe reinzufuchsen.


Hat sich die Arbeit gelohnt?

Auf jeden Fall. Der ROTRAC und sein Nachfolger ROTRAC E4 werden stark nachgefragt. Wir verkaufen sie auf der ganzen Welt, etwa an Kunden in Malaysia, Brasilien, Australien, Russland und Kasachstan. Unser Hauptmarkt bleibt allerdings nach wie vor Europa, weil hier der größte Bedarf für qualitativ hochwertige Rangierfahrzeuge herrscht. Der ROTRAC ist für uns eine echte Erfolgsgeschichte. Er ist das Produkt, das allen Leuten in unserer Firma am meisten Spaß macht.


Gab es noch weitere gemeinsame Projekte mit Linde eMotion?

Für einen unserer Kunden lassen wir den ROTRAC E4 in Doppeltraktion fahren. Dafür hängen wir zwei Fahrzeuge hintereinander und schalten die Funkfernbedienung zusammen, um beide gleichzeitig zu steuern. Gemeinsam können sie Züge mit einem Gewicht bis 1.000 Tonnen rangieren. Für die benötigte Zugkraft haben die Ingenieure von eMotion die Bleiakkus der Fahrzeuge durch einen Lithium-Ionen-Antrieb ersetzt. Außerdem haben sie die Steuerung des Fahrzeugs an die speziellen Anforderungen angepasst.


Gibt es Pläne, den ROTRAC weiterzuentwickeln?

Derzeit arbeiten wir mit der Technischen Hochschule Aachen und DB Systel an einem Automatisierungsprojekt für den ROTRAC, um für bestimmte Anwendungen automatische Fahrten zu ermöglichen. Der Nutzer soll per Software den Weg vorgeben, den das Fahrzeug selbstständig zurücklegt. Für Präzision und Sicherheit beim Rangieren der Wagons wäre kein Mensch mehr zuständig, sondern das Fahrzeug selbst. Es sucht sich zwar nicht selbst den Weg, fährt aber alleine von A nach B.


Kostet das nicht Arbeitsplätze?

Nein, es ist eher umgekehrt. Unsere Kunden suchen nach automatisierten Lösungen für das Rangieren ihrer Züge, eben weil es immer weniger qualifizierte Lokrangierführer gibt. Viele von ihnen haben sich in den letzten Jahren in den Ruhestand verabschiedet, gleichzeitig fehlt der Nachwuchs. Offenbar gibt es immer weniger, die diesen Job machen wollen. Große Firmen wie die Deutsche Bahn haben diesen Trend erkannt und schauen sich nach Alternativen um.


Welchen Anteil hat Linde eMotion an der Automatisierung?

Wir sind noch in einer relativ frühen Phase des Projekts. Wir analysieren unsere Möglichkeiten und suchen nach Sensoren, die unsere Anforderungen erfüllen. Außerdem denken wir intensiv darüber nach, wie das Sicherheitskonzept beschaffen sein muss: Welche Sicherheitsvorkehrungen übernimmt das Fahrzeug, welche die Infrastruktur des Anwenders? Sobald diese Punkte geklärt sind, kommt eMotion ins Spiel. Unter anderem, um die Echtzeitübertragung von Fehlermeldungen oder Kamerabildern mit der Fahrzeugsteuerung zu verbinden.


Wann kommt der erste automatisierte ROTRAC auf den Markt?

In drei bis vier Jahren wollen wir eine marktreife Version präsentieren. Bei der guten Zusammenarbeit der letzten Jahre sind wir optimistisch, dass uns das gelingt.


Herr Zwiehoff, vielen Dank für das Gespräch.

Prototyp im Einsatz

Ein Prototyp des automatisierten ROTRACS von Zwiehoff ist bereits bei der DB Systel GmbH im Einsatz. Das Pilotprojekt setzt DB Systel gemeinsam mit dem Werk Paderborn und der RWTH Aachen um.

Linde_eMotion-ROTRAC-Zwiehoff-DB_Systel